Kapitel 3 / Rubrik 2
Anekdoten von Friedrich Nagel
Verfasser: Mitgliedsbeitrag Friedrich Nagel

Anekdoten von Friedrich Nagel

Auslandsaktionen für das Land Baden-Württemberg

in den Jahren 1972 bis in die 80er-Jahre

und der MVG Meistervereinigung Gastronom e.V.

– oder warum man auch als Küchenmeister James-Bond-Qualitäten gut gebrauchen kann

Von der Gründung der Meistervereinigung an war es eines der Ziele von Otto Schütz, die gastronomische Szene Baden-Württembergs und das Können ihrer Vertreter auch außerhalb der Landesgrenzen bekannt zu machen.

Dieses Interesse deckte sich mit dem Bestreben der Landesregierungen Baden-Württembergs, ihre Auftritte im Ausland mit dem Angebot heimischer Küche abzurunden.

So wurde bald die Meistervereinigung zum Ansprechpartner und Beauftragten für die kulinarische Vertretung Baden-Württembergs im In- und Ausland.

Als Präsident der Meistervereinigung fiel mir in den Jahren 1972 bis 1984 die Aufgabe zu, im Auftrag der Landesregierung bei Repräsentationen der im Lande hergestellten Industrie- und landwirtschaftlichen Produkte die Bewirtung der Gäste zu planen und durchzuführen.

Bei größeren Veranstaltungen hatte ich dabei die wertvolle, Unterstützung der Kollegen Walter Allinger, Hans Könneke, Heinrich Koch und Adolf Burgtaler.

Diese Aufgaben führten uns einmal quer durch Europa: Von Berlin nach Bern, Barcelona und Madrid, Wien und in die Deutsche Botschaft nach Paris, nach Gent, Graz, Grenoble, einige Male nach London und schließlich bis nach Trondheim und Sandefjord in Norwegen.

Es war eine schöne und erfolgreiche Zeit für uns und die Meistervereinigung, an die wir noch heute gerne zurückdenken.

Wer solche Veranstaltungen kennt, mag sich fragen, warum es sich lohnt, ihnen in dieser Chronik einen eigenen Abschnitt zu widmen.

Ob nun in Madrid oder in Trondheim, ergibt sich am Ende doch immer ein ähnliches Bild: geladene Gäste in Abendgarderobe warten geduldig auf dem gediegenen Sektempfang, bis die Reden und Grußworte vorbei sind und das — von uns zuvor kunstvoll angerichtete — Büffet mit baden-württembergischen Spezialitäten eröffnet ist — oder etwa nicht?

Zwar wurden tatsächlich immer viele Reden gehalten und auch ich wurde gebeten, bei jedem dieser Anlässe über die Meistervereinigung und die Kreationen der gebotenen Gerichte und Platten eine fundierte Rede zu halten.

Wer aber „Backstage” mit dabei war, der weiß, dass hinter dem reibungslosen Ablauf eines glanzvollen Abends nicht nur viel Zeit, Arbeit und Mühe steckt, sondern meistens auch das, was die Gäste am wenigsten erwarten würden: eine gute Prise Abenteuer.

Von diesen Abenteuern möchte ich hier gerne einige Highlights berichten.

Besonders spannend gestaltete sich häufig die An- und Abreise an den verschiedenen Destinationen.

Hier ist mir eine Episode besonders lebendig im Gedächtnis geblieben:

Als ich mit Hans Könneke in Gent ankam, hatten belgische Polizisten mit ihren Motorrädern die Straße vor dem Botschaftsgebäude abgesperrt.

Wir bemerkten dies rechtzeitig und wollten gerade anhalten, um auszusteigen und mit den Polizisten sprechen, als einer von ihnen plötzlich den anderen etwas zurief und alle in größter Eile die Motorräder von der Straße holten und sich in Reih und Glied an der Straße aufstellten. Es fehlte nicht viel, dass sie uns auch noch salutiert hätten.

Völlig verdutzt, aber dankbar für die freie Fahrt, fuhren wir das letzte Stück bis zur Botschaft. Später am Abend stellte sich dann heraus, dass ich zu dieser Zeit das gleiche Auto fuhr, das dem Ministerpräsidenten als Dienstwagen zur Verfügung stand.

Bei zukünftigen Anlässen wurde leider allem Anschein nach auch das Nummernschild des Autos des Ministerpräsidenten im Vorfeld angekündigt. Wir wurden zwar immer hereingelassen, aber der Empfang war nie wieder so pompös.

Außerdem wurde ich zwei Mal am Flughafen Stuttgart festgenommen.

Einmal waren Walter Allinger und ich auf dem Weg nach London. Da wir nicht sicher waren, ob wir dort Rehrücken bekommen konnten, hatten wir welchen roh in einem Koffer mitgenommen.

Da damals die Vakuumtechnik noch nicht so perfekt war wie heute, hatten wir das Material nur in Alufolie eingepackt.

Beim Anstehen vor den Eincheckschaltern lief aufgrund unserer leidlichen Verpackungskünste Blutflüssigkeit aus dem Koffer aus. Die Flughafenangestellten entdeckten dies und riefen in hellem Entsetzen die Polizei. Kurz entschlossen nahmen die Polizisten mich fest und beschlagnahmten den Koffern, um ihn zu öffnen, da sie dachten, ich hätte Leichenteile darin.

Für mehr als nur den Anfang eines Krimis reichte das Durcheinander dann allerdings nicht mehr, denn es klärte sich alles schnell, als wir von der Landesregierung die entsprechenden Papiere vorweisen konnten, dass wir in London in der Deutschen Botschaft für 500 Personen ein wann-kaltes Schwarzwälder Büffet zubereiten sollten. Entgegen unseren Befürchtungen bekamen wir sogar noch unseren Flug.

Ohne dass ich dies beabsichtigte, sorgte ich weiterhin dafür, dass der Polizei am Flughafen die Arbeit nicht ausging. Bei einem Flug nach Paris wurde ich wieder am Eincheckschalter festgenommen.

Diesmal war mein Dick-Messer-Koffer der Stein des Anstoßes. Ich hatte diesen mit an Bord nehmen wollen und da für mich als Küchenmeister die Arbeit mit den Messern das normalste auf der Welt war, hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, wie das auf die übrigen Fluggäste wirken könnte…

Letzten Endes konnte der Koffer im Cockpit transportiert werden, wo ich ihn am Ende des Flugs wieder entgegennehmen durfte.

Aber nicht nur in der Luft, auch zu Lande führte der Transport unserer Ausrüstung und Materialien häufiger f Verwirrung bei den Gesetzeshütern.

Bei der Fahrt nach Grenoble hatten Hans Könneke und ich den Kofferraum meines Autos voll mit Materialien für das Zubereiten des Black Forest Büffets.

Wir wollten von Basel nach Genf durch die Schweiz fahren und dann weiter nach Grenoble. Als die Schweizer Zöllner den Kofferraum öffneten, bedeuteten sie uns, wir dürften mit den ganzen Materialien nicht durch die Schweiz fahren.

Wir hatten auch hierfür Legitimationspapiere, aber diesmal half auch das alles nichts. Nach einem Umweg über die französische Autobahn kamen wir schließlich nachts um 24 Uhr in Grenoble an.

Dort erwartete uns bereits der Sous-chef von Walter Allinger und eröffnete uns, dass er die Maultaschen — zentraler Bestandteil unserer Bewirtung — in Ulm im Kühlhaus hatte stehen lassen.

Dieser war einer der Momente, in denen mir bewusst wurde, wie viel Krisenmanagement man auch im Kochberuf können muss.

In diesem Sinne zogen Hans und ich am anderen Morgen in Grenoble los und kauften in Metzgereien und Bäckereien die Materialien zusammen, um die Maultaschen herstellen zu können.

Dank unserer eingespielten Zusammenarbeit gelang alles perfekt und unsere Bewirtung wurde ein großer Erfolg.

 

Für all die erfolgreichen Aktionen für das Land Baden-Württemberg erhielt ich im Oktober 1980 bei einer Feierstunde in Weißen Saal im Neuen Schloss in Stuttgart die „Silberne Staatsmedaille“ verliehen.

Diese hängt heute in meinem Büro neben meinem Meisterbrief und der Urkunde der MVG für die 60-jährige Mitgliedschaft.

 

Friedrich Nagel im Frühjahr 2022

 

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